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Hospizarbeit Braunschweig
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Die Hospizidee

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Ein Überblick zur Hospizarbeit und Palliativmedizin

Unsere Hospizarbeit könnte unter dem Motto stehen: „In Braunschweig leben und sterben!“

Als Hospizverein setzen wir uns aktiv für diese letzte Lebensphase und gegen eine Verdrängung von Sterbenden ein!

Wir begegnen uns in dem verbindenden Bewusstsein unserer Endlichkeit und Erfahrungen mit Begleitungen von Schwerkranken, Sterbenden und ihren Angehörigen.

5 Thesen sollen den Bogen von  der Vergangenheit zur Gegenwart und Zukunft schlagen:

  1. These: Die Hospizbewegung kommt an

Einhergehend mit dem euphorisierenden Versprechen der Medizin der Beseitigung von Krankheiten und Lebensverlängerung hatte sich in Deutschland seit den 1960er Jahren ein zunehmendes und im Rückblick dramatisches Defizit von Erfahrungen im Umgang mit Sterbenden und Verstorbenen entwickelt: So haben Kranke in den 1970er Jahren häufig qualvoll unter Tumorschmerzen gelitten und noch in den 1980iger Jahren werden Sterben-de wie selbstverständlich in das Badezimmer eines Krankenhauses geschoben. Mitte der 1980er Jahr war es dann das letzte Zimmer im Flur, wo Patienten meistens alleingelassen unter einer laufenden Infusion von der Öffentlichkeit unbemerkt „vergangen“ sind.

Möglicherweise hat der zweite Weltkrieg mit unermesslichen Sterbe- und Todeser-fahrungen zu einer gesellschaftlichen posttraumatischen Belastungsstörung mit Verdrängung des Todesthemas und damit aller aktuell Betroffenen geführt.

Die „konstruktive“ Widerstandsbewegung Anfang der 1980er Jahre nennt sich nach dem englischen Vorbild Hospizbewegung: In Keimzellen außerhalb des Gesundheitswesens wurde eine aufgehende Saat gesät. Erfolgsfaktoren auf diesem Weg sind:

-          Eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und Tod (wie macht man das  eigentlich praktisch? Stellen Sie sich vor, Sie hätten nur noch 1 Stunde zu leben und könnten noch einen letzten Brief schreiben – was schreiben Sie?).

-          Zeit nehmen und spenden.

-          Das Prinzip der Freiwilligkeit.

-          Linderungsangebote statt Ohnmacht.

-          Der Einbezug und Unterstützung von Angehörigen

-          Das Prinzip der Wahrhaftigkeit, um z.B. sinnlose Hoffnungsbilder einer unbegrenzten Lebensverlängerung in angemessene Hoffnungsbilder umzuwandeln.

-          Die Annahme und Beschäftigung mit Traurigkeit und Trauer.

  1. These:  Hospizidee bewegt Medizin

Die ehrenamtlich und bürgerschaftlich getragene Hospizbewegung hat den entscheiden-den Anstoß zu einem Um- und Neudenken in der Medizin gegeben: Der Bereich Palliativ-medizin (besser Palliativersorgung) hat sich langsam etabliert, im Übrigen - und für Einge-weihte nicht verwunderlich – mit den gleichen Erfolgsfaktoren der Hospizidee. Im Zentrum steht eine Behandlungszieländerung von möglichst langer Lebenszeit auf möglichst große Lebensqualität in Form von konzentrierter Linderung. Neu ist die Wahrnehmung und Aus-richtung der Behandlung von Beschwerden wie Schmerzen auf körperliche, seelische, soziale, spirituelle und kulturelle Dimensionen. Daraus erwächst die Notwendigkeit eines multiprofessionellen Vorgehens von Pflegenden, Ärzten, Seelsorgern, Sozialarbeitern, Psychologen, Apothekern.

Die Palliativmedizin innerhalb der medizinischen Gesamtversorgung bündelt und bearbeitet im besonderen ethische Fragestellungen wie die Hilfe beim Sterben.

  1. These: Hospizbewegung und Palliativmedizin gehören zusammen

Die zukünftige Herausforderung liegt in Deutschland darin, die ehrenamtlich getragene Hospizbewegung und hauptamtlich getragene Palliativversorgung für den Einzelnen nutz-bringend zusammen zuführen. Eine künftige Gesundheitsversorgung ist bei den zu-nehmend begrenzten menschlichen Ressourcen in Verbindung mit der demographischen Entwicklung und der zunehmende Anteil von Älteren ohne engstes Zusammenwirken mit Ehrenamtlichen nicht denkbar!

  1. These: Hospiz- und Palliativmedizin bewegen das Gesundheitssystem

-          Die vierte Säule der Palliativmedizin ist neben Prävention (Vorbeugung), Therapie

(Behandlung) und Rehabilitation (Wiederherstellung) etabliert.

-          Es haben sich in den letzten 30 Jahren 4 neue Institutionen entwickelt, je 2 im ambulanten und stationären Bereich:

Im ambulanten Bereich der Hospizdienst als Beratungs- und Begleitungsdienst für Schwerkranke, Angehörige und Trauernde. Zum zweiten der ambulante Palliativ-dienst zur Anwendung von Linderungsmaßnahmen in der häuslichen Umgebung. Diese Einrichtung wurde wesentlich durch ein Gesetz zur Verbesserung der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) beflügelt.

Im stationären Bereich wurden stationäre Hospize, also Spezialpflegeheime gegründet und in vielen Krankenhäusern Palliativstationen bzw. -bereiche für medizinisch komplexe Probleme eingerichtet. In Braunschweig haben sich erfreulicherweise alle 4 Einrichtungen etabliert (nähere Informationen erfahren sie über die Geschäftsstelle).

-     Neue Berufsbilder sind dazu gekommen wie die Koordinatorin eines ambulanten

Hospizdienstes, Pflegende mit der Palliative-Care-Ausbildung, Ärzte mit der Zusatz-bezeichnung Palliativmedizin, Apotheker mit dem Zusatz Palliativpharmazie und neu Palliativsozialarbeiter und -seelsorger.

-          Präsentierung durch politische Organisation wie die Landesarbeitsgemeinschaften Hospiz mit dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband als Dach und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. Entscheidend sind aber „Runde Tische“ auf regionaler Ebene, weil nur in diesen Gremien eine Sterbekultur vor Ort organisiert werden kann. Eigeninitiative in einem Netzwerk ist das oberste Gebot, um die bisher erworbenen Kenntnisse und Möglichkeiten für jeden Betroffenen zugänglich zu machen!

-          Finanzierungsquellen für die Begleitungen des ambulanten Hospizdienstes,

für das stationäre Hospiz, in Form von Zuschüssen für die Palliativversorgung in Krankenhäusern und für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung sind mit dankenswerter politischer Unterstützung erschlossen worden!

  1. These: Hospiz- und Palliativmedizin prägen die Lebeneinstellung

Vorstellungen von Lebenswerten und Würde werden ausgetauscht im Kontext von Selbst-bestimmung, Autonomie, aber auch notwendiger Fürsorge bei Geschwächten. Es geht um Fragen wie „Leben um jeden Preis“, die auslösend für Patientenverfügungen sind.

-          Unser Tod als existenzielle Grundbedingung eröffnet uns Chancen auf ein sinn-stiftendes Leben. Viele Menschen finden ihre (immer wieder auf die Probe gestellte) Antwort in Rückbindung (Religion) und Spiritualität. Die Frage „Was wäre, wenn wir ewig leben könnten“ provoziert zum Nachdenken.  

-          Die Kunst des Sterbens ist eine Kunst des Lebens! Nach meiner Beobachtung verhalten sich Menschen in der letzten Lebensphase entsprechend ihrer vorher erworbenen Lebenshaltung.

 

Zusammenfassung

Hospizidee und Palliativmedizin tragen zur Sterbe– und Lebenskultur bei. Wie geht es weiter?

  1. Wie gestalten wir die Vorbereitung und Ausbildung bezüglich hospizlich-palliativer Fähigkeiten, Kenntnisse und – besonders herausfordernd – Haltung?
  2. Wie wird eine flächendeckende angemessene Versorgung für jeden Bedürftigen organisiert?
  3. Wie hat sich das Bild von Leid und Sterben in unserer Gesellschaft verändert? Inwieweit zieht z.B. die Idealisierung eines harmonischen und friedlichen Sterbens eine (vorschnelle) Behandlung mit Beruhigungsmitteln nach sich (palliative Sedierung)?
  4. Wie integriert sich die Hospizidee und Palliativmedizin in unserer Gesellschaft. Über-nehmen stationäre Hospize bzw. Palliativstationen durch ihr umfassendes Dienst-leistungsangebot nicht eine Alibifunktion und leisten einer sogenannten sekundären Verdrängung Vorschub, in dem dort zur Gewissensberuhigung der Umgebung Menschen

„abgegeben“ werden. Dies steht im Widerspruch zur Hospizidee, die eine aktive Integration der letzten Lebensphase empfiehlt. Durch den wiedererlangten Erfahrungszuwachs und Abbau von Ängsten sowie Übernahme von fürsorglicher Verantwortung würde dann eine Hospizbewegung überflüssig.

Zurzeit sind wir allerdings von dem Ziel einer flächendeckenden Versorgung für jeden Bedürftigen, Schwerkranken und Sterbenden noch weit entfernt!

Eine letzte Frage sei mir noch erlaubt: Was machen Sie mit dem Rest Ihres Lebens?

Dr.med. R. Prönneke

Chefarzt der Medizinischen Klinik mit Palliativstation, Marienstift Braunschweig
Vorsitzender der Akademie für Palliativmedizin und Hospizarbeit der Ärztekammer Niedersachsen
Vorstandsmitglied der Hospizarbeit Braunschweig e.V.
stellvertretender Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Niedersachsen
Vorsitzender der Palliativarbeitsgemeinschaft Niedersachsen